In den letzten Wochen durfte ich in eine neue Weiterbildung eintauchen: Somatic Experiencing® (SE). Eine körperorientierte Methode, die mich fachlich – und ehrlich gesagt auch persönlich – sehr berührt hat. Zeit für eine kleine Nachlese.
Viele Menschen verbinden Somatic Experiencing sofort mit schweren Traumata. Und ja: SE wurde ursprünglich für die Arbeit mit traumatischen Erfahrungen entwickelt. Aber das greift zu kurz.
Trauma beginnt nicht beim Ereignis, sondern im Nervensystem
Somatic Experiencing® versteht Trauma nicht in erster Linie als das, was passiert ist, sondern als das, was im Körper dabei passiert ist.
In bedrohlichen oder überwältigenden Situationen schaltet unser vegetatives Nervensystem automatisch auf ein Notprogramm: Kampf, Flucht, Erstarrung oder Kollaps. Das ist kein Fehler – sondern ein uraltes Überlebensprinzip.
Problematisch wird es, wenn die dabei mobilisierte Energie nicht wieder abfließen kann. Dann bleibt der Körper in Alarmbereitschaft, auch wenn die Gefahr längst vorbei ist.
Das kennen wir fast alle
Dafür braucht es kein „großes Trauma“. Viele Menschen kennen diese körperlichen Reaktionen:
Herzklopfen ohne erkennbaren Anlass
ein Kloß im Hals
Enge in der Brust
flache Atmung
innere Unruhe oder plötzliche Erschöpfung
Das sind Signale eines Nervensystems, das schneller hochfährt, als uns lieb ist.
Für wen ist Somatic Experiencing® geeignet?
Somatic Experiencing® ist nicht nur für Traumapatient*innen geeignet, sondern für alle Menschen,
die sich schnell überfordert fühlen
deren Körper stark auf Stress reagiert
die viel „funktionieren“, aber wenig spüren
die schwer zur Ruhe kommen oder sich schlecht regulieren können
Kurz: für Menschen mit einem empfindsamen oder dauerhaft belasteten Nervensystem.
Ein zentraler Impuls von Peter Levine
Somatic Experiencing® wurde von Peter Levine, einem amerikanischen Traumaforscher und Psychotherapeuten, entwickelt. Seine zentrale Beobachtung war ebenso einfach wie revolutionär:
Trauma entsteht nicht durch das Ereignis selbst, sondern durch die Reaktion unseres Nervensystems
Levine beobachtete, dass Tiere nach bedrohlichen Situationen die mobilisierte Energie vollständig entladen – durch Zittern, Schütteln oder spontane Bewegung. Menschen hingegen unterdrücken diese natürlichen Reaktionen häufig. Die Folge: Das Nervensystem bleibt im Alarmzustand.
Somatic Experiencing® knüpft genau hier an und unterstützt den Körper dabei, diesen unterbrochenen Selbstregulationsprozess wieder aufzunehmen.
Wie arbeitet Somatic Experiencing®?
SE arbeitet nicht primär über Gespräche, sondern über die Wahrnehmung des Körpers. In kleinen, gut dosierten Schritten wird der Körper dabei unterstützt,
innere Zustände wahrzunehmen
zwischen Gefahr damals und Sicherheit jetzt zu unterscheiden
gebundene Überlebensenergie sanft zu entladen
Nicht durch Konfrontation. Nicht durch „Aushalten“. Sondern durch Behutsamkeit, Orientierung und Sicherheit.
Regulation statt Kontrolle
Ein zentraler Gedanke von Somatic Experiencing ist: Es geht nicht darum, Symptome wegzumachen oder den Körper zu kontrollieren. Es geht darum, Selbstregulation wieder möglich zu machen.
Der Körper darf lernen:
Ich bin jetzt sicher. Ich darf mich wieder beruhigen.
Wenn das gelingt, kehren oft ganz von selbst Dinge zurück, die zuvor verloren schienen: Lebendigkeit, Klarheit, ein Gefühl von innerer Stabilität.
Mein persönliches Fazit
Diese Weiterbildung hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie viel Weisheit im Körper steckt – und wie wichtig es ist, ihn in therapeutische und medizinische Arbeit einzubeziehen.
Somatic Experiencing® ergänzt meine systemische Arbeit auf eine sehr stimmige Weise. Es erweitert den Blick: weg vom reinen Verstehen, hin zum Spüren, Regulieren und Verkörpern.
Ich bin sehr dankbar, diesen Weg gehen zu dürfen – und gespannt, was sich daraus für meine Arbeit und meine Patient*innen weiterentwickeln wird.