„Ich komme allein klar.“
Viele Menschen sagen das mit einem gewissen Stolz. Unabhängig zu sein gilt als Stärke. Niemandem zur Last fallen zu wollen klingt verantwortungsvoll und erwachsen.
Klaus Eidenschink formuliert es prägnant: Es ist wichtig Autonomie und Autarkie zu unterscheiden Diese Begriffe werden häufig gleichgesetzt – sie beschreiben jedoch unterschiedliche Fähigkeiten. (Verunsicherungsbuch "Warum das Gute auch schlecht ist" von Klaus Eidenschink)
Menschen sind keine autarken Systeme
Menschen kommen nicht autark zur Welt. Wir brauchen Resonanz, Berührung, Spiegelung und Regulation durch andere. Ein Kind beruhigt sich nicht allein. Es wird beruhigt. Ein Kind versteht seine Gefühle nicht allein. Es lernt sie im Kontakt kennen. In der Entwicklungspsychologie spricht man von Co-Regulation. Aus dieser Co-Regulation entwickelt sich später die Fähigkeit zur Selbstregulation.
Wenn Co-Regulation nicht zuverlässig gelingt
Nicht jede Beziehung bietet diese Erfahrung. Wenn Bezugspersonen emotional wenig verfügbar sind oder Bedürfnisse nicht zuverlässig erfüllt werden, entwickeln Kinder andere Strategien. Eine davon ist frühe Selbstgenügsamkeit. Das zeigt sich später häufig in Sätzen wie:
- „Ich komme allein klar.“
- „Ich brauche niemanden.“
- „Allein ist es einfacher.“
- „Ich möchte niemandem zur Last fallen.“
Diese Haltung wirkt stark und souverän. Und sie ist oft eine sehr funktionale Anpassung.
Die stille Seite der Autarkie
Autarkie bedeutet: Ich brauche niemanden. Der Preis dafür zeigt sich oft erst in Beziehungen. Nähe bleibt schwierig. Unterstützung anzunehmen fühlt sich ungewohnt an. Emotionale Abhängigkeit wird vermieden. Viele Menschen mit dieser Strategie funktionieren hervorragend. Sie sind zuverlässig, leistungsfähig und übernehmen Verantwortung.
Autonomie bedeutet etwas anderes
Autonomie bedeutet nicht, niemanden zu brauchen. Autonomie bedeutet wählen zu können, Nähe zuzulassen oder die Distanz zu wählen, Unterstützung anzunehmen oder eine Herausforderung alleine zu meistern. Autonome Menschen sind nicht unabhängig von Beziehungen, sondern sie können sich in Beziehungen frei bewegen. Das ist ein großer Unterschied.
Entwicklung geschieht in Beziehung
In therapeutischen und beratenden Prozessen zeigt sich häufig eine paradoxe Dynamik: Menschen, die besonders unabhängig wirken, tragen gleichzeitig eine starke Sehnsucht nach Verbindung in sich. Doch Nähe fühlt sich zunächst ungewohnt oder riskant an. Veränderung entsteht deshalb nicht durch Druck, Ratschläge oder Appelle. Sie entsteht durch Beziehung, durch einen Kontakt, in dem nichts verlangt wird oder durch eine Begegnung, die erlaubt, neue Erfahrungen mit Nähe zu machen. Aus solchen Erfahrungen wächst nach und nach eine andere innere Gewissheit: Man muss nicht alles allein schaffen.
Inspiriert von Klaus Eidenschink: Verunsicherung. Ein Buch für Menschen, die etwas zu sagen haben. Vandenhoeck & Ruprecht, 2021