Im systemischen Denken gibt es einen Satz, der erst einmal fast naiv klingt und gleichzeitig unglaublich kraftvoll ist:
Jeder Mensch hat gute Gründe für sein Verhalten.
Das heißt nicht, dass jedes Verhalten gut ist. Und es heißt auch nicht, dass man alles dulden muss. Aber wenn wir die ganze Geschichte eines Menschen kennen würden, seine Erfahrungen, Verletzungen, Prägungen, Ängste, Loyalitäten, inneren Überzeugungen, dann gäbe sein Verhalten für uns Sinn. Auch das Verhalten, das uns vielleicht gerade nervt.
Ein Beispiel aus der Praxis
In der hausärztlichen Praxis kommt es immer wieder vor, dass jemand zur Tür hereinkommt und erst einmal schimpft. Über Wartezeiten, über nicht fertige Rezepte,über die Organisation oder Mitpatienten. Früher habe ich mich viel öfter geärgert. Heute denke ich häufiger, dass er oder sie einen guten Grund haben wird. Ich kenne die innere Landkarte dieses Menschen nicht. Ich weiß nicht, was er gerade erlebt.
- Ob er vielleicht Angst hat.
- Ob er sich nicht ernst genommen fühlt.
- Ob er schlechte Erfahrungen mit Autoritäten gemacht hat.
- Ob er mit Schmerzen kommt.
- Oder ob er einfach völlig überlastet ist.
Sein Verhalten ist möglicherweise kein Angriff gegen uns sondern eine Schutzreaktion.
Warum das so entlastend ist
Wenn ich mir innerlich sage: „Dieser Mensch hat einen guten Grund“, dann passiert etwas Wichtiges. Ich muss das nicht persönlich nehmen, denn es ist gar nicht meine Geschichte, Ich kann innerlich einen Schritt zurücktreten und annehmen, dass seine Reaktion vor dem Hintergrund seiner Geschichte vermutlich Sinn ergibt, auch wenn ich den gerade nicht erkenne. Das schafft Abstand. Und dieser Abstand schafft Handlungsspielraum.
Das gilt nicht nur in der Praxis
Dieser Gedankentrick funktioniert überall, in Partnerschaften, Familiensystemen, bei den Freunden und im Kollegenkreis. Und jetzt kommt der Clou, er funkioniert auch uns selbst gegenüber. Auch wir haben gute Gründe für unser Verhalten. Und das entlastet sehr. Manchmal kennen wir sie nur noch nicht und sind sehr streng mit uns.
Es geht nicht um Entschuldigen, sondern um Verstehen
Jemandem einen guten Grund zu unterstellen bedeutet nicht, Grenzen aufzugeben. Man darf trotzdem klar sein. Man darf trotzdem nein sagen. Man darf trotzdem Verhalten benennen.Aber man tut es aus einer anderen inneren Haltung heraus. Nicht aus Kränkung oder Abwehr heraus, sondern aus Verständnis für die Komplexität menschlicher Geschichten.
Und das macht das Leben so viel leichter, sowohl im therapeutischen Kontext als auch in der Hausarztpraxis. Und privat sowieso.