Warum stecken wir eigentlich so viel Energie in etwas , das wir nicht beeinflussen können? Es gibt im Leben erstaunlich viele Dinge, die sich unserem Einfluss entziehen.
- Die Zukunft.
- Unser Alter.
- Die Vergangenheit.
- Das Wetter.
- Die Fehler anderer Menschen.
- Ob jemand uns mag oder nicht.
- Was andere über uns denken.
- Wie jemand auf uns reagiert.
Wenn man diese Liste einmal bewusst liest, fällt eines sofort auf: Ein großer Teil dessen, worüber wir uns im Alltag Gedanken machen, liegt eigentlich außerhalb unserer Kontrolle. Und trotzdem beschäftigt uns genau das oft am meisten. Wir grübeln über die Zukunft. Wir ärgern uns über das Verhalten anderer. Wir analysieren Gespräche noch einmal im Kopf nochmal und nochmal. Wir überlegen, wie wir Dinge hätten anders machen können.
Warum eigentlich? Der Grund liegt unter anderem darin, wie unser Gehirn funktioniert. Es ist darauf ausgelegt, Vorhersagen zu treffen und Kontrolle herzustellen. Aus evolutionsbiologischer Sicht war das überlebenswichtig. Wer Gefahren einschätzen konnte, wer Muster erkannte und Entwicklungen vorausdenken konnte, hatte bessere Chancen zu überleben. Kontrolle bedeutet für unser Nervensystem vor allem Sicherheit. Wenn etwas unklar oder unvorhersehbar ist, entsteht Spannung im System. Unser Kopf versucht dann automatisch, Ordnung herzustellen. Grübeln, Planen oder Analysieren sind Versuche, diese Unsicherheit zu reduzieren.
Das Problem dabei: Viele der Dinge, mit denen wir uns gedanklich beschäftigen, lassen sich gar nicht kontrollieren. Die Zukunft bleibt offen. Andere Menschen bleiben eigenständige Menschen mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen. Und auch die Vergangenheit lässt sich nicht mehr verändern.
Aus systemischer Sicht ist das nicht überraschend. Wir leben immer in komplexen Systemen: Familien, Beziehungen, Teams, Organisationen. In solchen Systemen wirken viele Faktoren gleichzeitig. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Bedürfnisse und seine eigene Perspektive mit ein.Kein Mensch kann ein solches System vollständig kontrollieren.
Was jedoch möglich ist, ist Einfluss zu nehmen. Und hier verschiebt sich der Blick. Denn es gibt durchaus Dinge, die in unserer Hand liegen:
- Wir entscheiden, mit welcher Haltung wir anderen Menschen begegnen.
- Wir wählen die Worte, mit denen wir sprechen, und die Handlungen, für die wir uns entscheiden.
- Wir gestalten, wie wir unsere Zeit verbringen, wie wir andere Menschen behandeln und welchen Gedanken wir immer wieder Raum geben.
- Auch haben wir darauf Einfluss, mit welchen Menschen wir uns umgeben, welche Perspektive wir auf die Welt einnehmen und wie viel Energie wir bereit sind, in etwas zu investieren.
In systemischen Zusammenhängen entsteht Veränderung selten durch Kontrolle. Systeme lassen sich nicht einfach steuern. Sie reagieren auf Impulse, auf neue Perspektiven, auf andere Formen von Verhalten. Ein einzelner Mensch kann ein System nicht beherrschen, aber er kann Teil der Veränderung sein.
Deshalb ist eine der hilfreichsten Unterscheidungen im Alltag die Frage: Liegt das gerade in meinem Einflussbereich – oder nicht?
Wenn etwas außerhalb unseres Einflusses liegt, kostet jeder weitere Versuch, es kontrollieren zu wollen, vor allem Energie. Wenn etwas innerhalb unseres Einflussbereichs liegt, entsteht Handlungsspielraum.
Gelassenheit entsteht nicht dadurch, dass plötzlich alles kontrollierbar wird. Gelassenheit entsteht, wenn wir lernen, unsere Energie dorthin zu lenken, wo sie tatsächlich etwas bewegen kann.