Ein Genogramm ist mehr als ein Stammbaum
Familie ist etwas, das uns sehr prägt. Manchmal liebevoll. Manchmal herausfordernd. Meistens beides. Die meisten von uns kennen ihre Familiengeschichte zumindest in groben Zügen: Wer wen wann geheiratet hat. Wer früh gestorben ist. Wer „schwierig“ war. Wer welchen Beruf wer ergriffen hat.
In der Systemischen Therapie schauen wir mit einem anderen Blick auf unseren Stammbaum und entdecken neue Perspektiven. Wir zeichnen keinen Stammbaum im biologischen Sinn. Wir erstellen ein Genogramm.
Der Unterschied? Uns interessiert weniger, wer mit wem verwandt ist. Uns interessiert, wie Menschen miteinander verbunden waren und was davon bis heute wirkt. Wo war Nähe? Wo war Distanz? Wo gab es Brüche? Wer war im Bündnis mit wem? Und wer stand vielleicht eher am Rand?
Wozu machen wir das?
Nicht, um Schuldige zu suchen. Und nicht, um Eltern „auseinanderzunehmen“. Wir wollen Zusammenhänge zu verstehen.
Viele Menschen kommen mit Fragen wie:
- „Warum gerate ich immer wieder in ähnliche Situationen?“
- „Warum fällt mir Abgrenzung so schwer?“
- „Warum fühle ich mich so schnell verantwortlich?“
Wenn wir mehrere Generationen nebeneinander betrachten, wird oft unbewusstes sichtbar. Manches ist nicht einfach „ein persönlicher Fehler“. Manches ist eingebettet in Geschichte, Rollen und Loyalitäten. Und das ist oft sehr entlastend.
Meine Lieblingsfragen zur Herkunfstfamilie- Einladung zur Selbstreflektion
Wenn Ihre Familie eine Überschrift hätte – wie würde sie lauten?
Sie könnte beispielsweise heißen
- „Augen zu und durch.“
- „Zusammen sind wir stark.“
- „Wir schaffen das allein.“
- "Das geht niemanden etwas an."
- "Über Gefühle redet man nicht".
Solche Mottos prägen uns oft unbewusst.
Welche Glaubenssätze aus Ihrer Herkunftsfamilie haben Sie bewusst beibehalten – und welche bewusst nicht?
Vielleicht haben Sie gemerkt: Bestimmte Werte passen bis heute. Andere konnten Sie im Laufe Ihres Lebens korrigieren oder loslassen. Hier beginnt Gestaltungsspielraum.
Wer stand sich besonders nahe und wer eher nicht?
Nähe und Distanz erzählen oft mehr als offizielle Familiengeschichten.
Welche Rolle hatten Sie in Ihrer Familie?
- Die Vernünftige?
- Der Vermittler?
- Die Starke?
- Das schwarze Schaf?
Und spannend: Diente diese Rolle vielleicht einem größeren Gleichgewicht im System?
Wozu hat Sie Ihre Herkunftsfamilie herausgefordert?
- Mussten Sie früh Verantwortung übernehmen?
- Zwischen Konflikten vermitteln?
- Sich anpassen?
- Sich behaupten?
Welche Kompetenzen konnten Sie dadurch erwerben?
- Organisationstalent?
- Empathie?
- Konfliktfähigkeit?
- Durchhaltevermögen?
- Humor?
Belastungen bringen oft Fähigkeiten hervor – auch wenn wir uns die Umstände nicht ausgesucht hätten.
Gab es Themen, über die nicht gesprochen wurden?
Tabus wirken häufig über Generationen hinweg.
Welche Muster wiederholen sich?
- Trennungen in einem bestimmten Alter?
- Kontaktabbrüche?
- Bestimmte Lebensentscheidungen?
Systeme neigen dazu, Vertrautes fortzuführen.
Wem fühlen Sie sich besonders loyal?
Manche inneren Verpflichtungen wirken subtil, aber stark.
Wenn Sie heute etwas grundlegend verändern würden – wer in Ihrer Familie hätte vermutlich ein Problem damit?
Eine Frage, die oft Überraschendes zum Vorschein bringt.
Was möchten Sie aus Ihrer Familiengeschichte weitertragen – und was darf hier enden?
Hier entsteht echte Wahlfreiheit und Handlunsgspielraum.
Warum diese Arbeit Spaß macht
Diese Arbeit macht Freude, weil sie neugierig werden lässt. Es zeigen sich Zusammenhänge, die vorher unsichtbar waren. Muster lassen sich erkennen wie Teile eines Puzzles, die plötzlich an ihren Platz fallen. Mit jedem Blick auf das Genogramm entsteht mehr Verständnis für Dynamiken, die lange selbstverständlich erschienen sind.
Dabei verschiebt sich oft der innere Fokus. Weg von Selbstkritik und dem Gefühl, mit sich selbst nicht in Ordnung zu sein, hin zu der Frage, was im eigenen System einmal Sinn gemacht hat. Viele Reaktionen, Haltungen und Strategien wirken in einem größeren Zusammenhang plötzlich nachvollziehbar und sinnhaft.
Genogrammarbeit bedeutet für mich deshalb kein rückwärtsgewandtes Wühlen in alten Geschichten. Sie ist vielmehr ein würdiger Blick auf die eigene Herkunft, aus dem heraus neue Perspektiven entstehen können. Und von dieser Warte aus wächst die Möglichkeit, den eigenen Weg bewusster und freier zu gestalten.