Sichtbar werden – das ist schwer!
Wir sind ein kleines Social Startup aus Gießen. Wir haben einen Social-Media-Kanal. Instagram, Facebook. Die üblichen Spielregeln. Alle sagen: Du musst sichtbar sein. Zeig dich. Mach Videos. Die Menschen wollen dich sehen.
Ich mache Inhalte. Ich schreibe Texte. Ich spreche Texte ein. Das geht. Aber Videos von mir selbst? Mit Gesicht? Mit Präsenz? Mit Mimik? Das ist eine andere Liga. Und ich frage mich gerade ernsthaft: Warum eigentlich?
Ein Mikrofon ist schnell bestellt. Ein Stativ auch. Licht kann man organisieren. Was sich nicht so leicht organisieren lässt, ist diese innere Entscheidung, sichtbar zu werden. Und gesehen werden ist etwas sehr Archaisches. Es berührt alte Fragen:
Bin ich okay, so wie ich bin?
Darf ich Raum einnehmen?
Was passiert, wenn jemand das blöd findet?
Was, wenn jemand mich angreift?
Im echten Leben ist Resonanz meist differenziert. Im Internet nicht unbedingt.
Zwischen Professionalität und Verletzlichkeit
In der hausärztlichen Praxis und in meiner therapeutischen Praxis bin ich präsent. Menschen sehen mich. Aber das ist ein geschützter Raum. Social Media ist ein anderer Raum. Offen. Unkontrollierbar. Bewertbar. Sobald ich mein Gesicht zeige, gebe ich ein Stück Kontrolle ab. Ich kann nicht mehr steuern, wie ich wahrgenommen werde. Ich kann nicht mehr filtern, wer kommentiert. Das hat etwas mit Verletzlichkeit zu tun. Und vielleicht auch mit der Angst vor Abwertung. Nicht jeder Kommentar wird wohlwollend sein. Das weiß man.
Was will ich zeigen – und was nicht?
Sichtbar werden ist auch eine Grenzfrage.
- Was von mir darf öffentlich sein?
- Was bleibt privat?
- Welche Haltung möchte ich transportieren?
- Wie viel Persönlichkeit gehört in die Öffentlichkeit?
Es geht nicht darum, alles preiszugeben. Aber es geht darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Und diese Entscheidung ist ein Prozess.
Wie oft arbeite ich mit Menschen genau daran, dass sie lernen, sich zu zeigen, dass sie sich ernst nehmen und dass sie ihren Raum einnehmen. Und nun stehe ich selbst an so einer Schwelle und denke: Interessant. So fühlt sich das also an. Gar nicht so einfach.
Es ist kein Marketingproblem, es ist vielmehr ein Entwicklungsschritt. Im Moment nehme ich noch Anlauf. Das Equipment steht. An Ideen mangelt es nicht. Die innere Entscheidung reift. Vielleicht gehört dazu auch,nicht nur sichtbar zu sein, sondern ehrlich zu benennen, dass der Weg dahin Mut braucht. Und Mut wächst selten auf Knopfdruck.