Wenn die Amygdala Alarm schlägt
In unserem Gehirn gibt es einen sehr alten Teil – das sogenannte limbische System. Es ist unser emotionales Sicherheitssystem. Darin sitzt die Amygdala. Man könnte sie unseren „inneren Feuermelder“ nennen.
Was passiert bei Stress?
Die Amygdala scannt ständig: „Bin ich sicher – oder in Gefahr?“ Wenn sie Gefahr wittert, reagiert sie blitzschnell, viel schneller als unser Verstand denken kann.
Sie aktiviert
das autonome Nervensystem
die Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol
Kampf, Flucht oder Erstarrung
Die Amygdala fragt nicht: „Ist es wirklich gefährlich?“
Sie fragt nur: „Fühlt sich das an wie damals, als es gefährlich war?“
Wenn die Amygdala das Steuer übernimmt
Wenn der Alarm sehr stark ist, wird der denkende Teil des Gehirns (präfrontaler Kortex) quasi „überstimmt“. Dann erleben Menschen
Panik
Überreaktionen
Kontrollverlust
Blackout
starke Angst
Das ist der Moment, in dem das Überlebenssystem übernimmt.
Was passiert bei Trauma oder chronischem Stress?
Wenn eine Kampf- oder Fluchtreaktion nicht zu Ende geführt werden konnte, bleibt Stressenergie im Nervensystem gebunden. Die Amygdala bleibt dann überwachsam. Der "Feuermelder" reagiert schneller, stärker und häufiger.
Das kann führen zu
Daueranspannung
Schlafproblemen
Überempfindlichkeit
Erschöpfung
innerer Unruhe oder innerer Leere
Langfristig kann chronischer Stress sogar Gedächtnisstrukturen (Hippocampus) beeinträchtigen. Das Problem ist also nicht das Ereignis allein sondern die unvollendete Stressreaktion im Körper.
Wie Somatic Experiencing® (SE) hier ansetzt
Somatic Experiencing® (SE), entwickelt von Peter Levine, arbeitet nicht primär über Gespräche, sondern über den Körper. Denn die Amygdala kann nicht mit Logik beruhigt werden sondern über körperlich erlebte Sicherheit.
Bottom-Up statt nur Kopf
SE arbeitet „von unten nach oben“, das bedeutet, vom Körper zum Nervensystem zum Gehirn.
Zentrale Prinzipien
Wichtig sind kleine Schritte mit nur so viel Aktivierung, wie das Nervensystem gut verarbeiten kann. So vermeiden wir eine erneute Überflutung. Wir wechseln zwischen Sicherheit / Ressource und leichter Aktivierung. So lernt das Nervensystem, dass Aktivierung nicht automatisch Gefahr bedeutet.
Wenn gebundene Überlebensenergie sich lösen darf, zeigt sich das oft als
Zittern
Wärme
spontanes tieferes Atmen
Weinen
Muskelentspannung
Das ist kein Rückschritt , das ist Regulation.
Wie SE die Amygdala beruhigt
Durch achtsames Tracking von Körperempfindungen lernt das Nervensystem im Hier und Jetzt „Ich bin gerade sicher.“ Alte Erinnerungen können auftauchen, aber der Körper erlebt gleichzeitig Gegenwart und Sicherheit.
Das bewirkt
Downregulation der Amygdala
weniger Daueralarm
mehr Aktivität im präfrontalen Kortex
bessere Selbstregulation
mehr Flexibilität im Nervensystem
Trauma ist also nicht nur im Kopf gespeichert. Es lebt im vegetativen Nervensystem weiter. Die Amygdala reagiert, als wäre die Gefahr noch da.
Somatic Experiencing hilft dem Körper, zu erleben:
„Es ist vorbei. Jetzt ist es sicher.“
Und genau dadurch kann sich das Alarmsystem beruhigen und der Mensch zurückfinden in einen regulierten, lebendigen Zustand.