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Dissoziation verstehen

Was dabei im Gehirn passiert
17. Mai 2026 durch
Dissoziation verstehen
zusammenbesser.team, Friederike Rose-Simonow
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Dissoziation ist ein aktiver Schutzmechanismus

Viele Menschen verbinden Dissoziation mit „Wegtreten“, Leere oder einem völligen Kontrollverlust. Als ob der Kopf ausgeschaltet sei. Neurobiologisch betrachtet ist Dissoziation jedoch kein passiver Ausfall des Gehirns, sondern genau das Gegenteil, ein aktiver Schutzmechanismus. Das Gehirn versucht in überwältigenden Situationen, das emotionale Erleben herunterzuregulieren.

Bestimmte Hirnareale hemmen dabei gezielt emotionale Aktivität. Gefühle werden gedämpft, abgespalten oder nicht mehr bewusst wahrgenommen. Manche Menschen beschreiben das als innere Taubheit, Nebelgefühl oder das Empfinden, nicht mehr richtig mit sich selbst verbunden zu sein.

Das ist wichtig zu verstehen: Dissoziation ist keine Schwäche und kein „sich Anstellen“. Sie ist eine hochintelligente Überlebensreaktion des Nervensystems.

Dissoziation sind keine Flashbacks 

Menschen mit traumatischen Erfahrungen erleben häufig starke Schwankungen zwischen Überflutung und Abspaltung. Manche Gefühle wirken überwältigend, andere sind kaum noch spürbar.

Spannend ist, dass Dissoziation und Flashbacks neurobiologisch sehr gegensätzliche Zustände darstellen. Bei Flashbacks kommt es zu einer starken emotionalen Überflutung. Gefühle, Körperempfindungen und Erinnerungen drängen mit voller Intensität ins Bewusstsein.Bei Dissoziation passiert eher das Gegenteil: Das Gehirn reduziert Wahrnehmung und emotionales Erleben, um vor Überforderung zu schützen.

Ein Blick durch die SE-Brille auf die Dissoziaton

Der Therapieansatz von Somatic Experiencing (SE)® nach Peter Levine richtet den Fokus auf die Regulation des Nervensystems. Ziel ist es, innere Zustände wahrzunehmen und schrittweise wieder besser regulieren zu können.

SE arbeitet  körperorientiert und sehr feion dosiert. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Atmung, Muskelspannung, Körperempfindungen, Orientierung im Raum und feine Veränderungen im autonomen Nervensystem. Das Nervensystem soll wieder mehr Flexibilität entwickeln. Belastung wird in kleinen Schritten verarbeitet, damit neue Überforderung vermieden wird. Das Nervensystem darf im Hier und Jetzt lernen, wie es sich neu regulieren kann.

Langsamkeit hilft

Viele Betroffene hören Sätze wie: „Du musst dich deinen Gefühlen stellen.“ Für ein überlastetes Nervensystem kann genau das aber viel zu viel sein. Traumatherapeutische Arbeit beginnt deshalb häufig erstmal mit Stabilisierung und Sicherheit. 

Der Körper soll wieder als sicherer Ort erlebt werden. Gefühle dürfen auftauchen, ohne den Organismus erneut zu überfordern. Kleine Schritte helfen dem Nervensystem oft deutlich mehr als intensive Konfrontation, wodurch alte Überlebensmechanismen wieder auftauchen.

Symptome bekommen eine andere Bedeutung

Das Verständnis von Dissoziation verändert häufig auch den Blick auf die eigenen Symptome. Das Nervensystem reagiert nicht „falsch“. Es nutzt Schutzmechanismen, die in belastenden Situationen einmal sinnvoll  waren. Auch wenn sie heute vielleicht gar nicht mehr notwendig sind. 

Diese Sichtweise schafft häufig mehr Selbstverständnis, weniger Scham und einen ruhigeren Umgang mit den eigenen Reaktionen.


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