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Es hat viele Gesichter

Ein Plädoyer für weniger Schubladen und mehr Kontext
8. Februar 2026 durch
Es hat viele Gesichter
zusammenbesser.team, Friederike Rose-Simonow
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Trauma passt in keine Schublade

Viele Menschen kommen mit klaren Symptomen: Selbstverletzendes Verhalten, Angstzustände, depressive Phasen, Essstörungen, Zwänge oder eine starke innere Instabilität.

Was häufig passiert: Diese Symptome werden schnell einer bekannten Diagnose zugeordnet. Nicht selten heißt es dann: Borderline, Depression, Angststörung oder Essstörung. Diagnosen können Orientierung geben. Problematisch wird es, wenn sie das Ende des Denkens markieren – statt den Anfang eines tieferen Verstehens.

Wenn Symptome Ausdruck einer Traumageschichte sind

Aus traumatherapeutischer Sicht sind viele dieser Symptome keine Störung an sich, sondern Überlebensstrategien eines Nervensystems, das gelernt hat, mit Überforderung, Bedrohung oder Hilflosigkeit umzugehen:

  • Selbstverletzendes Verhalten kann helfen, innere Spannungen zu regulieren oder sich wieder zu spüren

  • Essstörungen können Kontrolle, Sicherheit oder Abgrenzung herstellen

  • Angstzustände können Ausdruck eines dauerhaft alarmierten Nervensystems sein

  • Depressionen können mit Erstarrung, Rückzug und Energiesparen zusammenhängen

  • Zwänge können Stabilität und Vorhersagbarkeit in einer innerlich unsicheren Welt schaffen

All das kann wie eine bestimmte Diagnose aussehen und gleichzeitig Teil einer komplexen Traumageschichte sein.

Trauma ist nicht gleich Trauma

Viele Menschen denken bei Trauma nur an extreme Einzelereignisse wie Unfälle oder Gewalt. In der Praxis sehen wir jedoch sehr häufig:

  • frühe Bindungsverletzungen

  • emotionale Vernachlässigung

  • chronischen Stress in der Kindheit

  • Überforderung ohne ausreichende Unterstützung

  • wiederholte Grenzverletzungen

Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren im Nervensystem – oft leise, diffus und schwer benennbar. Die Symptome zeigen sich dann später im Leben.

TraumapatientInnen in der hausärztlichen Praxis

Bei meiner Arbeit in der hausärztlichen Praxis sehe ich viele Menschen regelmäßig und oft über Jahre hinweg. Häufig bin ich die erste Ansprechpartnerin für unspezifische Beschwerden, für irgendwas stimmt nicht oder für diffuse Symptome. Seit ich mich intensiver mit der Thematik Trauma beschäftige, habe ich den Eindruck, dass ich deutlich mehr entsprechende PatientInnen sehe, erkenne und erspüre. Nicht, weil es sie früher nicht gab; ich habe mir oft den Blick von "lauten" oder missverständlichen Symptomen verstellen lassen. Mehr dazu schreibe ich hier: Gute Gründe

Bestimmte Symptome, Körpersignale, Beziehungsmuster oder auch die Art, wie Menschen ihre Geschichte erzählen, können im Kontext von Trauma eine andere Bedeutung bekommen. Beschwerden, die früher vielleicht als „unspezifisch“, „schwierig“ oder „psychosomatisch“ eingeordnet worden wären, fügen sich plötzlich zu einem stimmigeren Gesamtbild zusammen. Dabei bedeutet ein traumasensibler Blick keinesfalls, alles selbst therapieren zu müssen. Er bedeutet, Symptome in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und vorschnelle Etikettierungen und Blickdiagnosen zu vermeiden. TraumapatientInnen Sicherheit, Beziehung und Verständnis anzubieten ist für mich elementar. 

Du bist nicht kaputt

Für PatientInnen kann es enorm entlastend sein, mit einem systemischen Blick auf ihre Symptome zu schauen. Jedes Symptom macht Sinn vor dem Hintergrund der eigenen Lebensgeschichte. Für viele Betroffene kann eine neue Perspektive auf die Symptome ein Wendepunkt sein: Nicht „Was stimmt nicht mit mir?“, sondern „Was habe ich erlebt?" und „Wie hat mein Körper darauf reagiert?“ sind dabei die LeitfragenSymptome sind oft kreative, kluge Lösungen eines Nervensystems, das versucht hat zu überleben. 

mehr Kontext, weniger Schubladen

Ich möchte zu mehr Neugier, mehr Mitgefühl und einem ganzheitlicheren Blick einladen. Eine systemische Grundhaltung versucht dabei den Patienten in seine Beziehungsgeschichte einzubetten und auf dieser Ebene Verständnis zu erzeugen. Trauma hat dabei viele Gesichter und stellt mitunter nicht nur für PatientInnen Herausforderungen dar, sondern auch besondere für ÄrztInnen und das ganze Team in der Arztpraxis. Auch das Team sollte dafür sensibilisiert werden, dass hinter jedem Symptom eine Geschichte stecken kann, die gesehen werden will.

nützliche Links: Traumatherapie



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