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Narzisstische Beziehungen verstehen

Wenn die eigene Wahrnehmung ins Wanken gerät
24. August 2026 durch
Narzisstische Beziehungen verstehen
zusammenbesser.team, Friederike Rose-Simonow
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Über narzisstische Beziehungsdynamiken

Kaum ein psychologischer Begriff wird derzeit so häufig verwendet wie „Narzissmus“. In sozialen Medien scheint die Diagnose schnell gestellt zu sein. Ein schwieriger Chef, eine verletzende Partnerin oder ein kontrollierender Ex-Partner werden rasch als Narzisst bezeichnet. Menschen, die aus belastenden Beziehungen kommen, beschäftigt deshalb häufig die Frage, ob ihr Partner oder ihre Partnerin ein Narzisst war.

Doch dahinter steckt oft eine viel existenziellere Frage: "Warum weiß ich eigentlich gar nicht mehr, ob ich meiner eigenen Wahrnehmung trauen kann?"

Viele Betroffene berichten, dass sie sich selbst kaum wiedererkennen. Früher konnten sie Entscheidungen treffen, wussten ziemlich gut, was ihnen guttut und wo ihre Grenzen liegen. In der Beziehung ist diese Sicherheit nach und nach verloren gegangen. Sie fragen sich, ob sie überempfindlich sind, ob sie sich falsch erinnern, zu viel erwarten oder ob vielleicht tatsächlich mit ihnen etwas nicht stimmt. Vielleicht ist deshalb die Diagnose des anderen gar nicht die wichtigste Frage. Viel wichtiger ist zunächst, was in einer Beziehung mit uns geschieht.

Wenn Beziehungen zunehmend verwirrend werden

Narzisstisch geprägte Beziehungen beginnen nicht unbedingt schwierig. Im Gegenteil. Gerade am Anfang kann eine außergewöhnliche Intensität entstehen. Man fühlt sich gesehen, verstanden und besonders. Vielleicht entsteht sehr schnell große Nähe und das Gefühl, endlich einem Menschen begegnet zu sein, der einen wirklich versteht. Diese anfängliche Idealisierung kann eine starke emotionale Bindung entstehen lassen.

Mit der Zeit kann sich etwas verändern. Kritik wird zunehmend schwierig, Verantwortung für Konflikte wird abgewehrt, Fehler werden dem Gegenüber zugeschrieben. Gespräche führen nicht mehr unbedingt zu mehr Verständnis, sondern hinterlassen immer häufiger Verwirrung. Man geht vielleicht mit einem klaren Anliegen in ein Gespräch und kommt heraus und fragt sich, warum man sich plötzlich selbst rechtfertigt. Oder man erinnert sich ziemlich genau an eine Situation und hört, sie habe ganz anders stattgefunden. Gefühle werden relativiert oder abgesprochen, Aussagen verändern sich, Verantwortung wird umgekehrt.

Das Belastende ist häufig nicht eine einzelne große Situation. Es sind die vielen kleinen Irritationen, die sich über Wochen, Monate oder Jahre wiederholen. Wer immer wieder erlebt, dass die eigene Wahrnehmung infrage gestellt wird, beginnt irgendwann, sich selbst zu überprüfen. Vielleicht habe ich tatsächlich überreagiert. Vielleicht habe ich es falsch verstanden. Vielleicht bin ich wirklich zu empfindlich. Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung geht dabei nicht plötzlich verloren. Es erodiert langsam.

Viele Betroffene beginnen deshalb, Gespräche immer wieder im Kopf durchzugehen. Sie suchen nach dem Punkt, an dem sie selbst etwas falsch gemacht haben könnten. Sie formulieren vorsichtiger, erklären ausführlicher und versuchen zunehmend, Konflikte zu vermeiden. Der eigene innere Kompass funktioniert vielleicht noch – aber man traut ihm immer weniger.

Woran lässt sich eine problematische Dynamik erkennen?

Der Psychologe und Therapeut Klaus Eidenschink formuliert dazu einen Gedanken, den ich ausgesprochen hilfreich finde. Narzisstische Problematiken lassen sich nicht zuverlässig an einer Checkliste einzelner Verhaltensweisen erkennen. Menschen können lügen, Verantwortung abwehren, andere kontrollieren oder verletzen – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Interessanter ist deshalb häufig die Frage, was im Kontakt zwischen zwei Menschen geschieht.

Nach einem Gespräch lohnt es sich vielleicht, kurz innezuhalten. Fühle ich mich klarer oder verwirrter als vorher? Kann ich meiner eigenen Wahrnehmung noch vertrauen? Kann ich Kritik äußern, ohne Angst vor der Reaktion zu haben? Passe ich ständig auf, nichts Falsches zu sagen? Muss ich mich immer häufiger erklären oder rechtfertigen? Verbringe ich viel Zeit damit, darüber nachzudenken, was ich hätte anders machen sollen? Und vielleicht besonders wichtig – kann ich in dieser Beziehung noch ich selbst sein?

Solche Fragen sagen manchmal mehr über die Qualität einer Beziehung aus als jede Liste vermeintlich typischer narzisstischer Merkmale.

Auch das Nervensystem verliert Orientierung

Unser Nervensystem braucht ein gewisses Maß an Verlässlichkeit. Wir brauchen Menschen, deren Worte und Handlungen einigermaßen zusammenpassen und deren Reaktionen zumindest teilweise vorhersehbar sind. Wenn wir dagegen nie genau wissen, welche Reaktion uns erwartet, wenn Aussagen regelmäßig verändert oder Tatsachen bestritten werden, entsteht anhaltender Stress.

Wir werden wachsamer, überlegen genauer, was wir sagen, analysieren Gespräche und versuchen, mögliche Konflikte frühzeitig zu erkennen. Vielleicht passen wir uns immer stärker an, um die Beziehung stabil zu halten. Was kurzfristig Konflikte verhindern kann, hat langfristig einen hohen Preis. Der Blick richtet sich zunehmend auf das Gegenüber und immer weniger auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse.

Was geschieht auf der anderen Seite?

Um diese Dynamik zu verstehen, kann trotzdem ein Blick auf den Menschen hilfreich sein, dessen Verhalten so schwer nachvollziehbar erscheint. Klaus Eidenschink spricht lieber von narzisstischer Not als von „dem Narzissten“. Dieser Begriff gefällt mir, weil er den Menschen nicht auf eine Diagnose reduziert.

Hinter einer groß oder ausgesprochen selbstsicher wirkenden Fassade steht häufig gerade kein stabiler Selbstwert. Im Gegenteil. Der eigene Wert kann so unsicher sein, dass Anerkennung, Bewunderung und Bestätigung von außen dringend benötigt werden, um das innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Kritik, Zurückweisung oder Fehler können dann nicht einfach als unangenehme Rückmeldung erlebt werden. Sie bedrohen etwas viel Grundsätzlicheres, nämlich das eigene Bild von sich selbst.

Grandiosität kann deshalb als Schutz verstanden werden. Ebenso die Abwertung anderer, das Verschieben von Verantwortung oder das Beharren auf der eigenen Version einer Situation. Das macht verletzendes Verhalten verständlicher. Es macht es nicht weniger verletzend.

Solche Muster entstehen nicht aus dem Nichts. Häufig haben sie eine lange Geschichte. Kinder brauchen die Erfahrung, gesehen und angenommen zu werden, nicht nur dann, wenn sie etwas leisten, funktionieren oder Erwartungen erfüllen. Wenn Anerkennung stark daran gebunden ist, wie ein Kind sein soll, kann es lernen, bestimmte Seiten von sich zu zeigen und andere zu verbergen. Irgendwann geht es dann weniger um die Frage „Wer bin ich?“ und immer mehr um „Was muss ich sein, damit ich wertvoll bin?“

So kann eine Fassade entstehen, die vor einer tiefen Scham schützt, vor der Angst, nicht gut genug, nicht liebenswert oder letztlich wertlos zu sein. Das ist eine Not, die durchaus Mitgefühl verdient. Gleichzeitig können die Strategien, die einen Menschen einmal geschützt haben, in späteren Beziehungen für andere ausgesprochen schmerzhaft werden. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Wenn zwei Schutzstrategien ineinandergreifen

Aus systemischer Sicht wird es besonders interessant, wenn wir nicht nur auf einen der beiden Menschen schauen, sondern auf das Muster, das zwischen ihnen entsteht. Stellen wir uns vor, Kritik bedroht den Selbstwert eines Menschen massiv. Er reagiert darauf mit Rechtfertigung, Gegenangriff, Abwertung oder weist Verantwortung zurück. Das Gegenüber möchte den Konflikt lösen, erklärt genauer, versucht verständnisvoller zu sein, beschwichtigt oder sucht nach den richtigen Worten.

Doch das führt nicht unbedingt zu mehr Verständigung. Also erklärt es noch mehr, nimmt noch mehr Rücksicht und hinterfragt sich selbst. Vielleicht entschuldigt es sich schließlich für Dinge, für die es ursprünglich gar keine Verantwortung empfunden hat. Je stärker die eine Seite versucht, das eigene Selbstbild zu schützen, desto stärker versucht die andere möglicherweise, die Beziehung zu schützen. So kann sich allmählich ein Beziehungsmuster stabilisieren, in dem einer immer mehr Raum bekommt und der andere immer weniger. Niemand muss dieses Muster bewusst geplant haben, damit es ausgesprochen destruktiv werden kann.

Warum geht man dann nicht einfach?

Von außen erscheint die Lösung manchmal erstaunlich einfach. Wenn eine Beziehung einem nicht guttut, warum geht man dann nicht? Aber Beziehungen funktionieren nicht so. Da sind die Erinnerungen an die guten Zeiten und die Hoffnung, dass der Mensch vom Anfang wiederkommt. Da sind Liebe, gemeinsame Kinder, Loyalität und Verantwortung. Vielleicht bestehen finanzielle oder soziale Abhängigkeiten. Und manchmal berührt eine Beziehung auch sehr alte Erfahrungen.

Wer früh gelernt hat, dass Beziehungen erhalten werden, indem man sich anpasst, Konflikte vermeidet, Verantwortung übernimmt oder die Bedürfnisse anderer besonders gut wahrnimmt, verfügt möglicherweise über ausgesprochen feine Antennen für sein Gegenüber. Das war vielleicht einmal eine kluge Strategie. In einer schwierigen Beziehung kann genau diese Fähigkeit jedoch dazu führen, dass man sehr lange versucht, den anderen zu verstehen – und sich selbst dabei immer weniger versteht.

Die hilfreichere Frage lautet deshalb nicht „Warum habe ich das so lange mit mir machen lassen?“ Interessanter ist, was einen Menschen an diese Beziehung gebunden hat, welche Hoffnung damit verbunden war und welche vertrauten Beziehungsmuster vielleicht berührt wurden. Und schließlich geht es darum, herauszufinden, was es braucht, um der eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen und den eigenen Handlungsspielraum zurückzugewinnen.

Verstehen bedeutet nicht, bleiben zu müssen

Menschen in narzisstischer Not sind nicht per se schlechte Menschen. Hinter ihrem Verhalten können frühe Verletzungen, tiefe Scham und ein äußerst fragiler Selbstwert stehen. Es kann entlastend sein, das zu verstehen. Aber Verständnis verpflichtet niemanden dazu, verletzendes Verhalten auszuhalten. Mitgefühl bedeutet nicht, die eigenen Grenzen aufzugeben. Und die Lebensgeschichte eines anderen zu verstehen bedeutet nicht, die Verantwortung für dessen Verhalten zu übernehmen.

Therapeutisch ist es daher weniger wichtig  herauszufinden, ob das Gegenüber tatsächlich „ein Narzisst“ war. Wichtiger wird etwas anderes. Der eigenen Wahrnehmung wieder zu trauen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Grenzen wieder zu spüren und allmählich den eigenen inneren Kompass zurückzugewinnen.

Man darf einen Menschen verstehen und trotzdem Abstand nehmen. Man darf Mitgefühl haben und trotzdem eine Grenze setzen. Und manchmal darf man verstehen – und trotzdem gehen.

Unbedingte Leseempfehlung : Klaus Eidenschinck: Es gibt keine Narzissten, nur Menschen in  in narzisstischen Nöten


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